Verfassungsdatum unbekannt – entdeckt im Mai 2026, bei den Unterlagen meines verstorbenen Vaters, Bernhard Pfister (1934-2019)

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Eine Jugend im Forsthaus

Meine Eltern haben sich im Sommer 1919 in Zwiesler Waldhaus kennengelernt. - Der Bayrische Wald (oder "Böhmer Wald") war zufällig das erste Urlaubsziel - nach dem Examen und den Kriegshungerjahren - der beiden Freundinnen Charlotte Rouwolf (geb. 27.7.1898 in Hamburg) und Gertrud Essmann aus Hamburg. Sie waren gerade 21 Jahre alt - war es ihre erste Reise allein - freiheitshungrig, selbständig? Vati - Auqust Wilhelm Zeuner (geb. 6.1.1887 in Eschenau, Unterfranken) war dort junger Revierförster; ich glaub' seit dem Jahr 1908, nur unterbrochen durch die Kriegsjahre 1914 - 18.

Im Jahr darauf - am 17. Juli 1920 - heirateten sie - übrigens in Obereisenheim. Es muß eine kurz entschlossene Hochzeit ohne wesentliche Vorbereitungen gewesen sein - auch waren "nur" die Schwestern Martha, Annadorl und Mathilde (?) dabei. Alles fand im "Schulhaus" statt. Mutti trug ein Ballkleid aus silbergrauem Taft, und der Weg vom Schulhaus zum Rathaus wurde durch die Hintergärten bewältigt. Wenige "Details" sind bekannt. Am Nachmittag wurde das junge Paar mit einem "Kütschle" zum Bahnhof nach Seligenstadt gebracht (dem nächsten direkten Bahnanschluß nach Würzburg) - am 18.7. zogen sie in Waldhaus (Zwiesler Waldhaus bei Zwiesel, Bayr. Wald) in das schöne alte Freyesleben'sche Haus ein und teilten das Stockwerk nachbarlich mit Marie und Richard Freyesleben - "alten" Freunden von Vati.

Im April 1921 wurde ich (Susanne) geboren (21.4.1921), im November 1922 mein Bruder Wolfgang. 1922 unter dem gleichen Dach: Luise (da lebte ihr Vater schon nicht mehr).

Bis zum April 1926 lebten wir in dieser paradiesischen Einöde Zwiesler Waldhaus. Es gibt da für mich ganz wenige Erinnerungen: den Frühlingsgeruch nach Erde und Wasser, Moos und Pestwurz am Steinbach, der direkt seitlich am Haus vorbeirauschte - meine Freude an lila und weißen Kartoffelblüten, mit denen ich begeistert nach Haus kam und die ich zu meiner Enttäuschung nicht wieder pflücken durfte. Und die Wintererinnerung an's Schlittenfahren, wo wir beim Rodeln auf dem Wiesenabhang in die dichte, stach'lige Fichtenhecke sausten und darin steckenblieben. Es gibt auch die Erinnerung an den Ruckowitz Schachten mit der Jagdhütte und dem Brunnen davor, an die braun-weiß gescheckte Vieherde auf dem Schachten und vor allem an das "Nikolaushüttchen". Vati wollte den Beweis erbringen, daß der Nikolaus dort im Sommer schläft - er klopfte an die fest geschlossene Tür, niemand rührte sich - wir schlichen mit aller Vorsicht wieder davon.

Vati wußte rühmend zu erwähnen, daß ich (mit 3 Jahren) alles "tadellos zu Fuß bewältigt habe, auch, daß ich alle mir einmal erklärten Blumen von da an "kannte". Tollkirsche und Einbeere waren "tabu" - auch die rotglänzenden Seidelbastbeeren.

Im April 1926 zogen wir nach Forsthaus Irtenberg bei Würzburg. Ich weiß noch, wie wir ankamen: Vati war schon dort. Mutti hatte vom Bahnhof Würzburg ein Taxi gemietet - ich mein', es war ein offenes Auto (wir hatten nie vorher eines gesehen) - und bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir vor das stattliche Forsthaus vor.













Damals war der Hof vor dem Haus noch von einer hohen, dicken Mauer, die die Straßenkurve begrenzte, eingefaßt. In den folgenden Jahren saßen wir gern oben auf der Mauer und zählten die Autos - "Opel" und "Ford"; ich wüßte kein anderes - außer dem kleinen "Kommißbrot - Hanomag" von Pfarrer Sperl aus Oberaltertheim.

Der pensionierte Vorgänger, Oberförster Rügemer, wohnte noch im Haus; unsere “Inbesitznahme” verzögerte sich deshalb. Zuerst muß alles etwas provisorisch gewesen sein. Bis meine Mutter mit aller Bestimmtheit das große Zimmer, unten rechts vom Eingang, in Küchennähe, zum Eßzimmer erklärte und es pompejanisch-rot streichen ließ. Die zwei schönen großen Zimmer im Obergeschoß mit dem Blick nach Süden (Straße, Wiese und Waldrand), Osten (Garten, Feld, Waldrand) und Norden (Kirsch- und Nußbaum, Wiesenhang, Wald) wurden das Wohnzimmer und vermutlich das Schlafzimmer (später Vatis Arbeitszimmer). Ersteres bekam der schönen Biedermeier-Kirschbaum-Möbel wegen einen königsblauen Anstrich.

Ich erinnere, daß die Veilchen um's Brunnenhaus drüben über der Straße blühten. Für uns Kinder begann das ungebundene Wald- und Wiesen-Dasein: Primeln im Faschinenholz und Vältleinsrain, die jungen Füchse (abends vom Hochsitz aus zu beobachten) im Hönigholz. Die "Brandkanzel" - ebenfalls im Vältleinsrain, gab den Blick über "Eulengrube", "oberer Auslauf', "Johanniter-Holz", "hinterer Tierberg" frei (wurde an Sommersonntagen bei Waldbrandgefahr "besetzt").

 

Was man im Falle eines Brandes hätte tun können, bleibt unklar - es gab ja kein Wasser im Wald, außer am Ende des Kaufmannsträßchens im sogenannten "Kister-Wasserhaus". Das "Wasserhaus" wurde bedient, versorgt, vom "Wasserpumper", einem einsamen Posten. "Der Wasserpumper", Oswald Popp, war später Ortsgruppenleiter in Kist. Allfällige politische Gespräche (kein Treffen ohne sie) mußten mit Vorsicht geführt werden.


Nicht zu vergessen: die "Kulturmädchen" im Saatbeet, wohin wir, vor allem um die Mittagszeit, zu gern gingen, denn da hatten sie Zeit und machten ihre Scherze mit uns. Zu Ostern versteckten sie uns ein paar hartgekochte Hühnereier zwischen den Jungpflanzen. Die Vorarbeiterin hieß "das Paula" (Paula Seubert), und Frau Schmitt - unsere Waschfrau - gehörte auch dazu, ältere Frauen und junge Mädchen, die sich "a weng 'was" verdienten und auf dem Heimweg noch das Anschürholz für den Herd mitnehmen konnten.

Ansonsten waren wir auf unseren Einfallsreichtum und unsere Spielphantasien angewiesen. Baumhöhlen, Grasnester, Blätterkleider - bei Wärme möglichst unbekleidet, so spielten wir, und so sollen wir auch einmal aus der Schule nach Haus gekommen sein. Das letzte Drittel unseres Schulwegs gingen wir durchs Hönigholz - also: Kleider und Schuhe in den Schulranzen gestopft!

Lesen und Schreiben lernten wir bei unserer Mutter. Die Vorbereitung auf die Schule wurde mit nicht allzu großer Strenge von ihr vorgenommen - im Winter intensiver, im Sommer eher lässig.

Im Frühjahr 1928 kamen wir in die Schule nach Oberaltertheim. Gerchsheim wäre näher gewesen, war aber "badisch", und Oberaltertheim war zudem "protestantisch", auch Unteraltertheim und Steinbach - drei frühere Castell'sche Gemeinden (cuius regio - eius religio). Wolfgang kam in die 2. Klasse und ich in die 3. Jeweils 4 km Hin- und Rückweg waren zu bewältigen - im Sommer begann der Unterricht um 7 Uhr - um 11 Uhr war Schluß - dann mußten die Kinder "aufs Feld" oder “Kindsmagd" sein.

 


 

 

Pflichten, die wir nicht kannten - wir trödelten nach Haus, brauchten manchmal 1 1/2 Stunden, vor allem, wenn die Kirschen reif waren oder im Frühjahr, wenn man auf den trockenen Feldern "Schafmäulchen" (Salat) fand, den wir mitbringen wollten - oder an den steinigen Feldrainen die Veilchen blühten. Manchmal versuchten wir, einen unserer Schulkameraden zum Mitkommen zu überreden - zum Spielen. Das gelang nur sehr selten - die Kinder hatten Pflichten - Spielen als Nachmittagsbeschäftigung, nein! Aber so direkt wollte man's uns auch nicht abschlagen, also gab die Mutter manchmal nach, holte die Sonntagsjacke, und wir zogen glücklich zu dritt los. Meine Schulfreundin damals hieß Babette Hemrich, der Bruder ihres Vaters war "Forstmann" geworden, so gab's vom Elternstandpunkt vielleicht etwas weniger Barrieren zu überwinden.

Wir sprachen übrigens keinen Dialekt, und unsere Kameraden oder die Bauern sprachen "hochdeutsch" mit uns, sagten aber auch z. B. anerkennend: "Des is a gute Rass", womit sie uns wie Kälber oder Schweinchen taxierten. - Auf dem Schulweg trafen wir an bestimmten Tagen "den Müller" ein schweres Pfedegespann mit Mehlsäcken beladen - aus der Mühle in Unteraltertheim. Wenn wir "Glück" hatten, war der Müller erst gegen 11 Uhr unterwegs, dann durften wir "aufsiten" - sehr selten. Oder wir sahen schon von weitem den "Hirsch" oder den "Schiff' mit dem Fahrrad, auf dem vorn und hinten je ein großes Bündel befestigt war, den Berg heraufschieben. Das waren jüdische Händler, die mit "Weiß- und Buntwaren" in die Dörfer unterwegs waren. Vor allem das Schiff blieb meist kurz stehen, tippte an seine schräg nach links gerückte abgegriffene Schlägermütze und hatte ein paar freundliche Worte für uns – wir waren als die "Schimmeli" aus dem Forsthaus (wegen unseres weißblonden Haares) bekannt. Der Hirsch war älter und wortkarg - es passierte hin und wieder, daß er sich auf dem Heimweg verspätet hatte und am Freitag gegen 1/2 6 lieber sein Fahrrad in Irtenberg einstellte und mit dem Postauto bis Wenkheim fuhr, um nicht gegen das "Schabbes"-Gesetz zu verstoßen. Vor den großen jüdischen Festtagen beugte sich Frau Schiff aus dem Fenster (sie trug immer eine dunkle Perücke, womit sie deutlich von den Bauernfrauen mit ihren Kopftüchern abstach) - und reichte uns ein paar blasse "Matzen"-Fladen - für den Heimweg. Die Tochter Mira war mit uns in der Schule - ebenso Bella Strauß - sie hätten "Zeit" gehabt zum Spielen - aber da gab's andere Vorbehalte, daß man sie nicht mitgehen ließ.

Auf dem Heimweg von der Schule wurden wir gelegentlich sittlich, sprich unsittlich, belästigt. Irgendein Kerl sprach uns an, wollte uns Unverständliches, hantierte an sich herum - wir hatten nur den Wunsch, möglichst schnell den Wald zu erreichen, dort fühlten wir uns sicher. Wir schlüpften durchs Gebüsch, fanden unseren "Pfad" und hatten den "Strolch" abgeschüttelt. Merkwüdigerweise berichteten wir zuhaus nicht ausführlich aber doch genug, denn bald wurde uns die Schäferhündin "Recka" attachiert. Sie stammte aus Lehrer Kittels Zwinger und kam so täglich in ihren heimatlichen Stall. Aber sie war ein schrecklich nervöser Hund und so schreckhaft, daß wir oft umgerissen wurden, wenn sie plötzlich eine Kate sah und verfolgte - oder wenn nur von weitem ein Auto zu hören war, dann sette sie über einen Graben in ein Maisfeld, in dem auch wir uns dann versteckten. Besonders nachdem ein Autofahrer - wir sagten "ein Vertreter" Wolfgang in sein Auto gezogen hatte und wütend sagte: "ich fahr' Dich jetzt zur Polizei" (Wolfgang hatte eine Handvoll Kieselsteinchen nach dem vorbeifahrenden Auto geworfen). Ich schrie hysterisch - ohne Pause - und lief hinter dem wendenden Auto her, der Hund - uns zum Schub beigegeben - duckte sich in den Graben. Ein Bauer, der von einem Feld gelaufen kam, beendete die "gräßliche Szene", indem er sagte: '    des dürfen Sie doch net, des sin doch die Kinder vom Forschtverwalter".

Der stämmige Lehrer Kittel züchtete Schäferhunde und war begeisterter Turner - seine Frau war Sängerin in Leipzig gewesen. Seine - Lehrer Kittels - ganze Leidenschaft war "die Fliegerei". Sein Freund war der "Ritter v. Greim", der gelegentlich mit seiner "Maschine" Loopings über dem Schulhof drehte (er wurde im April 1945 vom "Führerhauptquartier" kommend "abgeschossen" und überlebte den Krieg nicht). Ziemlich bald im Jahr 1933 trat Lehrer Kittel in "die Partei" ein, in der Hoffnung, mit der "Fliegerei" würde es nun aufwärtsgehen - im Krieg wrde er allerdings zur Luftwaffe eingezogen.

Zur Vorbereitung auf den Wechsel in's Gymnasium in Würzburg wurden wir 1/2 Jahr nach Ehlenbogen im Schwarzwald in Onkel Augusts "Ein-Klassenschule" geschickt. Den Sommer 1931 verbrachten wir dort - ich glaub', wir haben da viel gelernt, noch jetzt hab' ich die originell ausgestatteten Aufsatzhefte aus dieser Zeit. Auch seht ich uns alle - 23 Schüler - an schönen Sommertagen in aller Frühe den Choral "Die güld'ne So-honne, voll Freud und Wonne . schmettern, schwungvoll intoniert und am Harmonium begleitet von Onkel August. - "Du - Herr Lährer . . ." fragten die Erstklässler ihn um Rat; dann setzte er sich in die Bank neben sie und malte geduldig die Buchstaben oder Zahlen, mit denen sie nicht zurechtkamen. Nicht immer - er konnte überreizt reagieren und uns damit erschrecken - wir hatten schrecklich Heimweh. Aber selbst als im Juli die Zeuner-Großmutter gestorben war, wurden wir nicht mitgenommen "nach Franken".

Der Ginster blühte am Bahngleis, dann der Fingerhut - die Heidelbeeren wurden reif, die zweite Mahd war eingefahren - erst im September wurden wir in den Zug Stuttgart - Würzburg gesetzt. Wir konnten unsere Freude gar nicht zeigen, als wir unsere Mutter auf dem Bahnsteig stehen sahen - aber schon drei Tage später sagten wir apodiktisch: "da gehen wir nie wieder hin!" (nach Ehlenbogen)

Im Frühjahr 1932 kamen wir auf die "höhere Schule" nach Würzburg. Wolfgang in die 1. Klasse des Realgymnasiums, ich in die 2. Klasse der "Sophienschule". Vorher mußte ich eine Aufnahmeprüfung machen. Mutti hatte mich durch ein ganzes Schuljahr "geschleppt" - mir die Englischgrundkenntnisse beigebracht - ich wurde aufgenommen. Meine Glanzleistung hatte ich allerdings in Naturkunde. Wolfgang fing mit "Latein" an - ich höre noch das tägliche Vokabelpauken mit Vati, das "Deklinieren", bis Wolfgang "blockierte", Vati, dem das alles so geläufig war, aufbrauste und ich überreizt aufschrie und aus dem Zimmer sauste. Ich sollte mich entschuldigen und brachte es doch nicht fertig - bis Vati mit einem Augenlächeln und einem kleinen Auftrag an mich zur "Tagesordnung" überging. -

Es muß vielleicht erwähnt werden, daß es nur einen geheizten Raum gab das Wohnzimmer mit dem großen Kachelofen, und bis zum Jahr 1932 kein elektrisches Licht, und natürlich kein fließend Wasser. Wir saßen abends um die Petroleumlampe vereint. Flur, Küche und Clo waren mit spärlich lichtspendenden Lämpchen ausgestattet. Welches Fest, als im Frühjahr 1932 die erste Glühlampe leuchtete! Dafür war eine Stromleitung von Kist nach Irtenberg erstellt worden (die freilich nicht ausgereicht hätte, um irgendein Elektrogerät zu speisen, mit Ausnahme eines Heizkissens oder Tauchsieders).

Wasser gab's am Pumpbrunnen im Hof oder "Quellwasser" (für Tee und Kaffee) im Brunnenhäuschen in der Wiese "über der Straße drüben". Das überlaufende Wasser wurde in ein "Planschbecken" im Garten geleitet - Vati wollte Kohlrabi oder Rosen gießen können (und wir Kinder hatten im Sommer einen kleinen "Napf' zum Eintauchen). Das Wasser für den "täglichen Bedarf' wurde in einer Holzbütte in die Küche getragen oder in Wasserkannen ins Schlafzimmer. Später wurde tatsächlich ein sogenanntes "Badezimmer" eingerichtet mit einem Badeofen, einem zylinderförmigen

Metallbehälter, der mit dem nötigen Kleinholz recht gut "erwärmt" werden konnte - auch das ein "zivilisatorisches" Ereignis, denn in anderen bayrischen Forsthäusern gab's keineswegs ein "Badezimmer" - (ich glaub' es war der insistierenden "Nachfrage" meiner Mutter zu verdanken). Im Sommer war ja alles "herrlich" - Wald, Wiesen, Obstbäume, Johannisbeeren, Gemüse und Rosen.

Vati brachte ein kleines - von der Ricke verlassen - mit nach Haus es paßte grade in seine grüne Müue. Wir zogen es mit verdünnter Milch auf, nach ein paar Wochen fraß es schon Himbeerblätter und - vor allem Rosenknospen. Es wurde unser Hausgenosse, war sehr anhänglich und begleitete uns sogar einmal auf dem Schulweg - "Unordnung und frühes Leid" mußte man diese Erfahrung freilich beschreiben. Wir waren froh, als wir es vom Schulhof weg auf Umwegen wieder in unsere Waldumgebung gebracht hatten. Mit dem beginnenden Winter hat es sich seinen Artgenossen angeschlossen und verschwand im Wald.

Der Schulweg nach Würzburg wurde mit dem Postauto (morgens um 7.00 Uhr) oder mit dem Fahrrad bis Kist und dann mit dem Kleinrinderfelder Postauto bewältigt, damit wir mittags unser Fahrrad für den Rückweg hatten. Anstrengend war das schon - aber wir wollten keinesfalls in der Stadt bleiben, um das Postauto, das uns bis vor das Forsthaus brachte, erst abends zu nehmen.

Jetzt gab's andere Schulkameraden - einige, wenige "ausgesuchte" wurden Freunde und durften z. B. übers Wochenende mitgebracht werden. Zu Wolfgang gehörte jahrelang Karl-Ernst Georges (der Urenkel vom "Großen Georges" (Lateinisches Wörterbuch). Sie haben Schulfreud und -leid - auch das "Sitzenbleiben" - miteinander geteilt, im Wald eine veritable Hütte gebaut (in die ich nur als "Gast" kommen durfte), eine große Radtour nach Pommern und Mecklenburg und an die Ostsee zusammen gemacht - da waren sie 13 oder 14 Jahre alt. Er war und blieb der gute Freund; im Krieg er war Luftwaffensoldat - ist er an einer Blinddarmentzündung gestorben nach Wolfgangs Tod - im Jahr 1944.

Ilse Pfister, die damals klein und stämmig, fast wie ein Junge aussah, verdanke ich es, daß ich, anstatt mein 'frugales Mahl" auf einer Hofgartenbank einzunehmen (denn nachmittags war "Turnen auf dem Sanderrasen"), an den Pfisterschen Mittagstisch eingeladen wurde - und dann immer kommen durfte. Wie oft war Ilse dann in Irtenberg - ihr kleiner roter Badeanzug litt erheblich in unserem ziemlich roh betonierten Planschbecken - und einmal machte sich Mutti "ernste Sorgen" wegen der in zu großen Mengen genossenen Kirschen (wir saßen wie die Stare im Baum), die dann erhebliche Bauchschmerzen verursachten.

Es gab die entzückenden "Faschingsfeste", die Mutti so ideenreich ausschmückte - und später unsere kleinen Tanzereien, wenn's ging mit unseren Vettern und der Dausl aus Kitzingen Ilse schwebte in "Rosa-Organza" über das Parkett, denn Vetter Friedl war ein temperamentvoller Walzertänzer und flirtete heftig mit ihr.

Die Sophienschule war eine private Schule gewesen im katholischen Würzburg (gegründet vom "alten Wohlfahrt", der auch der erste Direktor war), um auch "andersgläubigen Töchtern" eine zum Abitur führende Schulbildung zu ermöglichen. Deshalb waren fast die Hälfte protestantische Schülerinnen, fast ein Drittel jüdische Mädchen und der kleinste Teil katholische Mitschülerinnen. Wir trennten uns im Religionsunterricht, und am Samstag waren die Jüdinnen nicht da. Sonst gab's keine Unterschiede - einmal war ich bei Helga Östreicher eingeladen in einem großbürgerlichen jüdischen Haus dabei blieb's - für Irtenberg war sie nicht so geeignet.

Im Jahr 1933-34 wurde der sogenannte Staatsjugendtag eingeführt - es gab einige junge Lehrer, die erschienen bereits in einer Uniform - aber bald organisierte die H. J. diesen Tag (Samstag), und die Schule war nur ganz dünn besetzt, nämlich von Schülerinnen, die nicht in die H. J. eingetreten waren. Ich z. B. und die "halbjüdischen" Professorentöchter Hellmann und Meyer (obwohl sie bald alles daranseuten, dem J. M. beizutreten). Ich sehe noch die blondbezopfte Liesl Meyer (der Vater nahm glücklicherweise bald einen Lehrstuhl in Ankara an) in Uniform (dunkelblauer Rock, weiße Bluse und das mit dem Lederknoten zusammengehaltene schwarze Dreieckstuch) in der Bank sitzen.

Bald gehörten wir "Restigen" nirgends dazu - machten aber Geländespiele und Heimabende mit - jedenfalls war keine Schule und abends um 6.00 Uhr konnte ich nach Haus fahren. Da sollte ich mal zu Frau Lehrer Kittel nach Oberaltertheim kommen. Die Arme - sie schien mir damals schon im Matronenalter - sollte die "Jungmädel" in Oberaltertheim "führen". Sie sagte offen, daß sie dafür gar keine Begabung habe - ich solle das machen. Ich sagte sofort zu - das schien mir viel verlockender als in irgendeiner J. M. Gruppe in Würzburg rumzuhängen. Ich mußte mir einfallen lassen, wie dieser Tag zu gestalten sei. Sport, "Räuber und Schandl", Singen, "körperliche Ertüchtigung" und ähnliches. Die Mädchen waren begeistert.

Bald gab's jedoch "Anweisungen", "Gruppenbefehle", den Wochenbefehl von der H.J. Gauführung in Nürnberg, das Papier stapelte sich (wenn auch in bescheidenerem Ausmaß als das Drucksachenunwesen heute, dafür war das Papier zu teuer), wurde allenfalls von mir gelesen, aber als "nicht ausführbar" beiseite gelegt. Wolfgang erging es genauso - wir waren 14 und 13 Jahre - auch er führte auf diese Weise ein "Fähnlein" Arbeiter- und Bauernbuben.

Nach Kitzingen und Nürnberg sollten Heimabendberichte geschickt werden und das Beitragsgeld der Jungmädel und des Jungvolkes. Das ging natürlich nur schleppend ein - 40 oder 60 Pfennige waren die Eltern nicht gewillt zu bezahlen und - es sei gesagt - wir waren auf diesem Gebiet durchaus "lässig" bis schlampig. - Natürlich wurden wir auch "geschult", in Führerlagern, übers Wochenende oder in den Ferien, wir bekamen auch schulfrei dafür, schließlich mußten wir auf ein "Führerlager".

Zu Haus haben wir ausführlich berichtet, unser "Eifer" wurde gutmütig belächelt, unsere Berichte sarkastisch auseinandergenommen und mit ironischer Kritik bedacht. Der Stuß kam uns schnell zum Bewußtsein, so daß wir noch kritischere Beobachter wurden als wir ohnehin schon waren. Vatis ungehemmte Ablehnung gegen "diesen Speisträger und seine braunen Horden" (gemeint war Hitler, der Bauhilfsarbeiter, und seine Gefolgschaft) wurde ungehemmt, lautstark geäußert. Mutti hatte einen geradezu physischen Widerwillen gegen die braune Uniform - "Heil Hitler", der "deutsche Gruß", wäre ihnen nicht über die Lippen gekommen - alles trug dazu bei, uns auf "Distanz" zum schaltenden und waltenden System zu halten.

Wir wußten nichts von Ausschwitz und Buchenwald (dies Geheimnis wurde von den Machthabern streng gehütet) - uns war schon Dachau unheimlich genug, wir sahen es als ein "Zucht- und Besserungslager für Kriminelle" an. Wer dort gewesen war sprach nicht darüber - besser - durfte bei strengster Strafe nicht darüber sprechen; daß er es nicht tat, hätte schon für die fürchterlichen Erfahrungen sprechen müssen.



Tatsächlich verschwand mit der Zeit ein jüdischer Bekannter (Mitbürger) nach dem anderen - die jüdischen Professoren von der Universität - die jüdischen Ärzte. Unser Arzt, sofern wir einen brauchten, war Frau Dr. Dessauer, eine verwachsene intelligente Person mit etwas schwermütigen Augen und eisengrauem, glatten Haar - sie war sofort "zur Stelle", als ich vom Rad gestürzt war, die Tetanus-Spritze in der Tasche. Meine Eltern rieten zum Auswandern, als den jüdischen Ärzten die Ordination verboten wurde. "Wohin denn", sagte sie, "ich hab' eine alte Mutter, mein Bruder ist im Krieg gefallen - man kann mir doch nichts tun!" Der "Schiff', diesmal mit einem Koffer, saß im Postauto; an der Leistenstraße stieg er aus. "Wohin Schiff?" - "Mir gehen nach Palästina . kam die Antwort.



Die jüdischen Mitschülerinnen waren eines Tages "nicht mehr da". Von unseren Freunden gingen Hambergs - Muttis engste Schulfreundin (Gertrud Engel) - aus Hamburg in allerletzter Minute im Herbst 1938 nach England. Kurt Hamberg hat mir später - nach dem Krieg - die Weihnachtstage geschildert, die sie damals, durch das kalte New York laufend, verbrachten, bevor sie sich endgültig - am weitesten weg von Deutschland - in Australien niederließen.

 

Im Zuge der "Gleichschaltung" wurde unser idealistischer Schulleiter "weggeschaltet" (d. h. durch einen linientreuen ersetzt). Ich seht ihn noch auf einer letzten Schulfeier sich Mühe geben, den richtigen Ton zu finden. Er war "wandervogel- und jugendbewegt" gewesen, trug die damals typischen Kneipsandalen und den Schillerkragen und hatte sich das Beste von der "neuen Bewegung" erhofft. Jetzt fegte sie ihn aus seiner geliebten (Privat-) Schule, obwohl doch unser Unterrichtsplan der "neuen Zeit" schon durchaus Rechnung trug. Geschichts- und Geographie-Unterricht standen ganz unter dem Aspekt des 'Versailler Diktats". Die verlorenen deutschen Gebiete: Danzig, polnischer Korridor, Oberschlesien, Sudetenland, Südtirol usw. - EIsaß-Lothringen, das Saarland, Eupen und Malmedie - man mußte sie im Schlaf kennen.

 

Der Geschichtsunterricht brachte Verfälschungen und einseitige Sicht, die in unserem Fall allerdings zu Haus korrigiert wurden und zu ausgiebigen Diskussionen führten. Wie ja überhaupt die Eltern für uns die Bildungsquelle schlechthin waren. Man konnte sie "nach allem" fragen; ihr aufgeklärtes Weltbild hatte für alles eine Antwort - und wenn nicht, griff Vati zum "Großen Meyer", zum "Plötz", zum "Duden", zum "Georges" etc. bis zum "Büchmann".

 

Auch wurde meist heftig, weil nicht immer einer Meinung, über alles diskutiert, sei es Literatur oder nur die aufgeblasene Ausdrucksweise und falsche Darstellung in einem Zeitungsartikel. "Richtiges Deutsch", dafür war man sensibel.

 

Die deutschen Gedichte - man kannte und konnte sie alle. Sie lasen "alles", kannten jeden Verlag, übten gern und heftig Kritik - bis zur Polemik von Vatis Seite. Mutti holte ihn durch ironisches Spiegelvorhalten und sachliche Einwände auf den Boden zurück. Übrigens war er ja selber "literarisch" tätig. Kurzgeschichten, lyrische Gedichte und der "Schani", Wilderergeschichten aus dem Bayrischen Wald - erschien 1937 oder 38 im Kanter-Verlag in Königsberg/Ostpreußen (der Drucksatz ging im Krieg verloren, aber nach dem Krieg kam das Buch nochmal im Morsack-Verlag, Grafenau, in den Handel). Manchmal - sehr selten - hatten wir Besuch von den Großeltern oder von Vatis vielen Geschwistern. Sehr beliebt waren die Onkel: August, Fritz, Heinrich und Gustav, z. B. wenn "Schlachtfest" war oder am Geburtstag, dann kamen sie vereint. - Als ich noch "klein" war, erinnere ich auch den Besuch von den Großeltern aus Obereisenheim. Der Großvater, August Theodor Zeuner, war sehr beliebt bei uns Kindern wegen seiner "leutseligen" Art und den vielen kleinen Scherzen und Witzen, die er trefflich zu erzählen mßte - auch wegen seines seidenweichen weißen Bartes. Er interessierte sich ja für jedes Detail im Berufsleben seiner Söhne. Außerdem gab's die "Garten- und Saatenstandsberichte" ("Wilhelm - was machen Deine Äpfel?"), und Rosen konnte er veredeln, war überhaupt ein Gartenliebhaber und -kenner. Die Großmutter (Emma C.F., geb. Bornhard) hatte die "geistigen Interessen" - und eine feste Meinung in der Diskussion mit Sohn und Schwiegertochter. Einmal machte ich einen Spaziergang mit ihr nach Gerchsheim - und war vielleicht 6 oder 7 Jahre alt - da überfuhr eines der seltenen Fahrzeuge - ein Motorrad - unseren kleinen nebenherlaufenden Dackel. Der Motorradfahrer war hilflos - aber die Großmutter nahm den kleinen Schwerverletzten beherzt auf den Arm und trug ihn den langen Weg in's Forsthaus zurück. –

 

Zu Sylvester war es üblich, nach Obereisenheim zu fahren und den Jahreswechsel mit "den Irtenbergern" zu verbringen. Uns Kindern konnte da nicht viel "geboten" werden - außer dem Sylvester-Gottesdienst - und einem riesigen Wilhelm-Busch-Album. Außerdem: Großmutters Weihnachtsgebäck und Punsch! Wir fuhren mit dem "Milchauto", dem "Pätschler" (so hieß der Obereisenheimer Fuhrunternehmer) am Sylvestervormittag - meist bei Eiseskälte - von Würzburg nach Obereisenheim und genossen dann um so mehr die gemütliche Wohnzimmerwärme im Rathaus. Damals schon half "die Annadorl" (eine von Vatis jüngeren Schwestern) den Eltern - und als die Großmutter im Jahr 1931 gestorben war, hat sie selbstverständlich den 'Vadder" weiter betreut - bis an sein Lebensende im Jahr 1946.

 

Die Hamburger Großeltern waren uns nur "theoretisch" ein Begriff - wir haben sie nie gesehen. Jede Frage nach der Großmutter (Margarethe Briege) beantwortete Mutti mit Tränen - also fragten wir natürlich nicht mehr. Wir wußten nur, daß sie im Jahr 1922 gestorben war, nach einer Gehirnoperation. Der Großvater - Richard Rouwolf - hatte wieder geheiratet, nämlich Tante Martha, eine von Vatis Schwestern, die ihm die Zeuner-Großmutter zur Haushaltsbewältigung "geschickt" hatte. Deshalb lernten wir diesen Großvater auf dem "berühmten Zeuner-Familientag" im Jahr 1927 in Kitingen kennen. Er muß in jungen Jahren ein sehr strenger und pedantischer Mann gewesen sein, der seine Töchter mit der Uhr in der Hand beim Nachhausekommen kontrollierte. Meine Mutter behielt zeitlebens ein distanziertes Verhältnis zu ihm (ich glaube, das ist vorsichtig ausgedrückt), und mein Vater konnte sich nicht mit ihm "anfreunden", dazu waren sie zu unterschiedliche Charaktere. Seine zweite Frau (Tante Martha) und seine Tochter Helene - aber auch Tante Else und Sigrid haben stets in warmen Tönen von ihm gesprochen und seine vielseitigen Begabungen und Interessen gerühmt.

 

Muttis Stärke war: "Anstöße geben", so VWrde man heute sagen. Sie war so begabt und ideenreich. Ihre handwerklichen Fähigkeiten waren auf der "Kunstgewerbeschule" in Hamburg angeregt und ausgebildet worden. Und kaum verheiratet, haben sie beide gebuchbindert - alles bis dahin "Broschierte" mlrde, "gebunden" in Halbleder und Leinen - die Einbandpapiere, das sogenannte Ochsengallenpapier z. B., selbst hergestellt. An langen Vorweihnachtsabenden haben wir Kinder das auch gelernt - nur unser Geschmack, der ließ noch recht zu wünschen übrig, und die Genauigkeit, die Voraussetzung für richtige Handwerksarbeit ist, mußte geübt und gelernt werden. Ich hab' sie erst in meiner "Lehrzeit" bei Gundermann gelernt, gelegentlich mit innerer Opposition, denn von "zu Haus" kannten wir's eben eher "genial".

 

Im Herbst 1932 fanden meine Eltern, sie müßten Autofahren lernen. (An ein Auto war vorerst nicht zu denken!) Im "Badischen, nämlich in Tauberbischofsheim, gab's eine preiswerte Fahrschule von Herrn Weyrauch. Er kam täglich mit einem offenen "Brennabor", die Handbremse war außen auf dem Trittbrett befestigt, die Schaltung war die eines Lastwagens. Überraschend schnell lernte Mutti die Handhabung - Vati tat sich schwerer. Wir durften auf dem Rücksitz "dabei" sein und erlebten auch, daß Vati nach vergeblichen Rückfahrversuchen wütend ausstieg - Mutti machte es glänzend - und Herr Weyrauch war die Ruhe in Person, er hatte sogar für das Aussteigen Verständnis. Abgeschlossen wurde das Ganze mit einem wunderbaren "Herbstpicnic", das selbst dem darin ungeübten Herrn Weyrauch imponierte.

 

Nun wurden Sommerreisen geplant. Wir wollten einmal nach Waldhaus fahren, in den Bayrischen Wald. Die Alpen sehen, "August's" im Schwarzwald besuchen - die Wünsche waren "grenzenlos". Im Frühjahr konnten wir eine "gebrauchte Hanomag-Cabrio-Limousine" erwerben und damit ging's in den Sommerferien "auf die Piste". Wir hatten ein Zelt dabei - wir hatten Kochgeschirr und Picnic-Utensilien, eine Wasserkanne, Schlafsäcke (auf denen wir Kinder saßen, sonst wär' kein Platz mehr gewesen). Bald schärften wir unser Auge für den "richtigen" Picnic- oder Zeltplatz. Er mußte hübsch sein, schöne Landschaft und Aussicht , möglichst in der Nähe eines Baches oder Gewässers. Zum Zelten mochten wir gern Gras oder Heidekraut als "Unterlage". Während des Tages hatten wir viel gesehen, Städte, Burgen, Schlösser - und abends "erzählte" Vati Historie und Anekdoten. Wir baten wie alle Kinder - "erzähl' uns doch eine Geschichte", und so lernten wir Deutschland kennen - von der Mädelegabel (bei Oberstdorf) bis Bremen, Hamburg (mit Helgoland), Wismar, Schwerin, Dresden (und das Karl May Museum in Radebeul), die Sächs. Schweiz, Plauen und einen Eindruck vom Erzgebirge, Fichtelgebirge, Bayr. Wald. Die Geographie Deutschlands haben wir uns erfahren - über die Grenze konnte man nicht, aber an der Ostsee, an den Flüssen, den Bächen haben wir übernachtet und auf den Märkten in Eisenach, in Selb, in Cham, im Allgäu, im Schwarzwald eingekauft. Der nächste und dann unerfüllbare Plan war Ostpreußen - der Krieg brach aus - unsere Kindheit war zu Ende.

 

Mit dem Beginn meiner Lehrzeit in den "Fotografischen Werkstätten von Leo Gundermann in Würzburg" erledigten sich Staatsjugendtage und Heimabende, Führerlager etc. Bei Gundermann fing man morgens um 8.00 Uhr an und arbeitete (mit einer Mittagspause) bis abends um 7.00 Uhr - auch samstags. 14 Tage Urlaub im Jahr - im ersten Halbjahr 20,-- RM Taschengeld monatlich, das sich zum Schluß meiner auf 2 Jahre verkürzten Lehrzeit auf 60,— RM steigerte. Immerhin hab' ich mir meine erste Leica damit zusammengespart. Vati sprach bei einer Bitte um ein paar Tage zusätzlichen Urlaub unverblümt und heftig von "Lehrlingsausbeutung" - was sein Freund Leo ihm - vorübergehend - übel nahm. Während ich mich, dessen ungeachtet, für zusätzliche Arbeit z. B. vor Weihnachten oder um Ostern voll verantwortlich fühlte und bis zum Umfallen in den Nächten Dunkelkammerarbeit machte ("wir" alle). Erst Georg fragte später wie ein Gewerkschaftler, wie denn die Überstunden abgegolten worden seien.

Leo Gundermann war ein ausgezeichneter Fotograf und guter Lehrmeister, der mit freundlich unerbittlicher Kritik das "handwerkliche Rüstzeug" vermittelte und einen Licht und Schatten, aber vor allem die feinen Zwischentöne, sehen lehrte. Beim Vergrößern auf große Formate (Riemenschneider-Plastik oder Barockfassaden, Landschaften, Stadtansichten) wurde mit größer Delikatesse gearbeitet. Portrait-Fotografie hab' ich auch gelernt - dafür war Raymonde (Frau Gundermann) zuständig, sie war Französin. Ich fand, daß sie sehr begabt war ("das Sehen ist das Wichtigste" -) vor allem im Umgang mit Menschen, um sie dahin zu bringen, wo und wie ihr geistiges Fotoauge sie wünschte. So entstand die großartige Aufnahme von Elly Beinhorn, der Fliegerin; frontal mit übergeschlagenen Beinen, auf dem Kopf die Fliegerkappe, die behandschuhten Hände ließen vermuten, daß sie unmittelbar in ihr Flugzeug steigen werde. (Wie lang hing dieses Bild im Schaukasten!)

Natürlich wollte ich noch mehr als "Gundermann". Eigentlich wollte ich Cutterin beim Film werden - auf jeden Fall aber ein paar Semester Fotografie studieren auf der "Hochschule für bildende Künste" in München z. B. - oder in Berlin am "Lette-Haus" - man hat Träume, Wünsche, Vorstellungen von der Zukunft in diesem Alter.

Es war Frau Pfister, die eines Tages beim Mittagessen die Frage an mich stellte, ob ich nicht am kunsthistorischen Seminar bei "Herrn Kieser" teilnehmen wollte. Ich fand das sehr verlockend - aber reichten denn meine Vorkenntnisse dafür aus? In der Schule hatte ich zwar in Zeichnen und Kunstunterricht mit einer 1 geglänzt - aber der Unterricht war "bescheiden" gewesen - mein Interesse freilich groß.

So war der Donnerstagabend von 8.15 bis 10 - 1/2 11 von Herrn Kiesers "Seminar" ausgefüllt. Was hab' ich da gesehen, gehört und gelernt! Ich habe "sehen" gelernt. Die Ikonographie eines Bildes, die Aufteilung, die "köstlichen Farben" (Rubens), die Details, den Bezug zur Mythologie, zur Geschichte, zum Alten Testament, zu anderen Malern. Als ich "dazu" kam, hatte Herr Prof. Kieser den Holländischen Barock zum Thema und ein sehr barockes Bild "Der trunkene Silen" von Jordaens als Beispiel gewählt - übrigens das ganze Semester, wenn ich's richtig erinnere. Ich lernte erstmal die "Köstlichkeit der Farben", den "Schmelz des besonderen Rot" bei Rubens schon hatte er Rubens' "Pelzchen" (Helene Fourment nackt im Zobelpelz) an der Wand. - Den Jordaens sah ich viel später in London in der National Galery und das "Pelzchen" in Wien, und da ging mir auch auf, was das "Original" bedeutet. Herr Kieser versuchte, uns alles doch mittels recht "bescheidener" Dias nahezubringen. Ein anderes Thema "Arbeit gemalt". Menzels "Eisenhüttenwerk" (Berlin) und Courbets "Steinklopfer" (in Dresden ging es verloren) und dann die vielen "arbeitenden Frauen", Degas "Büglerinnen" und die "Tänzerinnen". Picasso hätte gefehlt - aber die "Modernen" blieben ausgeschlossen - es war die Zeit der "entarteten Kunst".

 

Einmal beschwerte sich eine junge Studentin, wir vüden immer nur mit "Nackten" konfrontiert - Herrn Kieser (damals Junggeselle) amüsierte dieser Einwand. Wir nannten die Studentin "das Schnuckelchen". Nach dem Seminar waren wir müde (ich war seit 6.00 auf den Beinen) und durstig - also 'Mirde vorgeschlagen und abgestimmt, welcher "Beck" (Weinwirtschaft und Bäckerei) diesmal "dran" sei, der "Sternbeck", der "Johanniterbeck", das "Juliusspital", die "Hofkellerei" in der Residenz - es gab genug. Es gab den netten Abrechnungsscherz: 1 Schoppen 60er zu 70 macht 80, Brot ham Sie kein's g'habt - 90 - alles z'samm: a Mark!" Ich erinnere laue Sommernächte zu Pfisters in die Hofpromenade war's nicht weit. Dann (1941/42) mußte ich das "Pflichtjahr" ableisten - raus aus dem "Seminar", raus aus dem Beruf - aber das war auch ein Grund, dieses Jahr in einer "kinderreichen Familie" in München abzuleisten. Das Arbeitsamt erlaubte es - ich mußte nur eine geeignete "Stelle" finden. Mit der Hilfe von Münchner Freunden kam ich auf einem Gutshof in München-Obermenzing unter; bei Frau Redslob (verwandt mit dem Kunsthistoriker). Aber die beiden (eifersüchtigen) erwachsenen Töchter machten mir das Leben schwer - 3 x mußte ich das gleiche Bett "richten", weil's immer noch nicht "glatt" genug kr z. B. Schließlich rutschte mir der Ausspruch des sächsischen Königs heraus: "Macht Euem Deck alleene". Dann mußte ich eine neue "Stelle" finden - diesmal bei "Frau Apotheker Dimpfl" in Schwabing. Es gab keine Kunstausstellung zu sehen - die Pinacotheken waren geschlossen. Das nHaus der deutschen Kunst" zeigte die jährliche Auswahl - oh' wie langweilig! Aber es gab Theater - und Konzerte! Alles in allem hat's mir nicht "geschadet" - im Gegenteil: ich hab' exakte "Haushaltsführung" gelernt: Montag: Schlafzimmer "gründlich", Dienstag: Kleine Wäsche, Mittwoch: Herrenzimmer gründlich etc. - wo hätte ich das sonst gelernt.

 

Diese Münchner Zeit, in jeder Beziehung sehr verschieden zu meiner bisherigen Umgebung und Lebensweise, hat mir doch sehr viel gebracht, obwohl die Kurse an der Foto-Schule nicht durchführbar waren - als "maid" in einem Haushalt mit Kindern ist man auch abends "eingespannt". Aber: in's Theater so oft es ging, schwierig war nur das Kartenbekommen. Das beklagte ich einmal nach einem Konzert, als ich mit einer Freundin meiner Mutter in einem Lokal saß. Da erhob sich ein "Uniformierter" und sagte sehr höflich: "Gnädiges Fräulein, vielleicht kann ich Ihnen behitfich sein." Von da an bekam ich Karten. Man spielte damals "schönes" Theater. Die Klassiker edel und romantisch, "Penthesilea" heroisch, "Fiesco" pathetisch. Nicht die "Räuber" und nicht "Don Carlos", seit es in Berlin brausenden Beifall gegeben hatte bei der Forderung: ' . Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!" Die schönste "Zauberflöte" hab' ich damals gesehen. Ein Märchen! Das Theater hat mich mehr gefesselt als die Oper. Wir waren schon im 2. Kriegsjahr - damals, in jener trügerischen Stille nach dem Polenfeldzug - die 'Volksgenossen" mußten bei Laune gehalten werden. Ich berichtete begeistert nach Haus - auch über meine "Kartenquelle" - wie sich herausstellte der Sohn eines namhaften Kunsthistorikers (Pinder) - ein SSOffizier. Meine Mutter schrieb postwendend zurück: 'Vorsicht Susanne! Das ist kein Umgang für Dich! Lieber aufs Theater verzichten!"

 

Der Krieg war ausgebrochen, 1. September 1939, keineswegs unerwartet (im August gab es schon kein Benzin mehr) - die ganze lärmige Propaganda hatte längst Feindbilder geschaffen: "die Schmach von Versailles" mußte getilgt werden. Zuhaus 'Mißten wir - oder spürten wir - der Krieg konnte nicht gewonnen werden und wenn, dann vWrde uns das verhaßte Regime erhalten bleiben - keiner vwnschte sich das (ich kannte niemanden, der sich das gewünscht hätte).

Wolfgang machte Kriegsabitur und wurde sofort "gemustert". Die Anmeldung in München für das "Forstfach" - man mußte es versuchen. Wolfgang kam zur Artillerie. Während der "Ausbildung" konnte er hin und wieder nach Haus kommen, er schrieb lustige Karten und Brief mit sarkastisch humorvoller Darstellung seiner Situation, hatte nette Kameraden und einen guten Freund, Frit Lorenz, der schon wenige Wochen später nach Stalingrad kam. Im September 1942 wurden sie nach Osten geschickt - ich hatte mich mit ihnen am Abmarschtag in Nürnberg getroffen, und wir verbrachten einen unglaubhaft fröhlichen und unbeschwerten leuten Tag miteinander. Von "unterwegs" kam später noch Feldpost mit sparsamen Landschaftsschilderungen, aus denen wir die Fahrtrichtung erkennen sollten. Dann - im Oktober - die niederschmetternde Nachricht, er sei im Kaukasus "gefallen" (bei Krasnodar) - am 7. Oktober schwer verwundet - am 8. Oktober: tot. Wir haben es nicht mit "stolzer Trauer" getragen - wir haben es kaum überstanden.

Mutti hielt mit der ihr eigenen "Selbstdisziplin" ihren Unterricht in der Schule in Oberaltertheim weiter. Im Jahr 40 war sie dort eingesprungen, eigentlich um in der lehrerverwaisten Schule einer jungen österreichischen Lehrerin (Frl. Friti Louis) beizustehen. Das hat sie bis zum Kriegsende 1945 durchgehalten. Vati magerte erschreckend ab und war bis zum äußersten "explosiv". Bei Tisch haben wir nur mühsam oberflächlich miteinander geredet. Nach einem halben Jahr konnte ich nicht mehr arbeiten - ich war wieder bei Gundermann. Gleichgewichtsstörungen, Geheule etc. - da halfen die Tanzereien und sogenannten Studentenfeste, die Flirts und 'Verehrer" auch nicht. Nach gründlichen Untersuchungen kam der Arzt zu dem simplen Vorschlag: "Milieuveränderung, Klimawechsel, Nordsee... " - lauter richtige Therapie-Empfehlungen.

An einem schönen Frühsommertag (5. Juni 1943) stieg ich in Hamburg aus dem Zug, Sigi hatte ein Quartier für mich in Timmendorf (was gar nicht so leicht zu bekommen war), holte mich am Zug ab, hatte meinetwegen ein Geburtstagsessen bei ihrer Freundin Agnes Claussen abgebrochen und verfrachtete mich am nächsten Tag an die Ostsee, wohin sie über's Wochenende zu kommen versprach. Sie brachte diese Freundin mit, die ganz und gar kein "Kind von Traurigkeit" war, sondern lebhaft, temperamentvoll, voller "schicker Einfälle" - mit einem Wort: umtriebig und übrigens warmherzig. Ich konnte zu aller Umtriebigkeit, sprich Geselligkeit, nur Lebensmittelmarken beisteuern - und hatte Vati mir nicht außerdem vorsorglich ein paar Eier mitgegeben - für's Frühstück? Am nächsten Wochenende wrden sie großzügig verbraucht - für ein Gebräu, das wir "Eierlikör" nannten.

Diesmal war statt Agnes ihr Bruder Georg mitgekommen und mit lauter "Bekannten" wollte man 'feiern" (wo's doch eigentlich nichts zu 'feiern" gab: die meisten Männer dieser jungen Frauen waren "auf See", auch Sigis Verlobter Georg v. Rabenau. Oder hatten sie alle gemerkt, daß es bei Georg und mir heftig "eingeschlagen" hatte - Romantiker würden sagen: "Liebe auf den ersten Blick". Der dürftige "Eierlikör" war ein höchst unzureichendes Getränk für dieses "Ereignis". -

Wieder zuhaus in Irtenberg fing das Briefschreiben an, und als die vernichtenden Luftangriffe auf Hamburg im Juli 43 eine schwierige Weisheitszahnbehandlung unmöglich gemacht hatten, sollte ich ihm - G.C. - und dem scharlachkranken Bruder Oskar Quartier in Würzburg besorgen. Das hatten schon andere vorher versucht. "Bring die Männer mit, in Gottes Namen" (seine beliebte Redensart), hatte Vati gesagt, als ich mit dem Fahrrad an den Bahnhof fuhr. Und so stiegen wir zu dritt aus dem "Postauto", und Vati traktierte die etwas benommenen Ankömmlinge mit - Zwetschgenschnaps.

So fing es an - mit uns, fast alles weitere ist bekannt. Am 22. August beschlossen wir, es den Eltern mituteilen, nämlich, daß wir heiraten wollten, in der Hoffnung, es sei bald oder überhaupt möglich. Vati griff bei dieser einschränkenden Aussage zu Meyers Lexikon, Buchstabe N - da lagen die auf dem Parteitag in Nürnberg verkündeten sogenannten "Nürnberger Gesete": also unsere Aussichten auf eine "gesetzliche Vermählung" waren gleich Null. "Arisch" und "halbjüdisch" vermählt und Nachwuchs, das durfte nicht sein. "Rassenschande" wurde das genannt - da gabs' keine noch so winzige Lücke im Gesetz. Uns blieb nur Optimismus, Hoffnung, Geduld, nein Ungeduld: es kann nicht so weitergehen; der Untergang des "ewigen 3. Reiches" hat längst begonnen - der russische Krieg war verloren, alles trieb auf ein "Ende" zu.

Die Fliegerangriffe auf die deutschen Städte nahmen zu; als ich im September wieder an meinen Arbeitsplatz kam, wurde der "totale Krieg" ausgerufen: 'Frauen ersetzen Männer an ihren Arbeitsplätzen!". - Ich Mirde "dienstverpflichtet" - nach Schweinfurt zu "Kugel-Fischer" an die Drehbank oder zur Reichsbahn? Ich entschied mich schnell für letteres, mir schien der Fahrbare Untersatz, die Beweglichkeit - vielleicht sogar nach Hamburg? - als Schaffnerin war alles möglich - die bessere Situation als die Rüstungsfabrik in Schweinfurt, zumal es damals schon tägliche Fliegerangriffe gab.

Unser ganzes Sinnen und Trachten ging dahin, uns so oft wie möglich zu treffen. Solange Georg noch dem Gestapo-Zugriff ausweichen konnte, indem er seine Arbeit von Hamburg nach Wien verlegte oder dann, wenn die NS-Bürokratie dort vorstellig mrde, wieder nach Hamburg, trafen wir uns in Zügen, verbrachten Wochenenden in Wien oder Hamburg, fuhren die Nächte auf Holzbänken, um uns ein paar Stunden zu sehen. Bis der Zugriff doch kam und kein Ausweichen mehr möglich war: Im Dezember 44 wurde Georg "dienstverpflichtet", mit anderen "Halbjuden" sich zur Arbeit auf dem "Heiligengeistfeld" einzustellen. Aus der Wehrmacht, nach dem "Polenfeldzug", war er "ausgestoßen" worden, jetzt galt es, Aufräumungsarbeiten zu verrichten, Notunterkünfte zu bauen - am schlimmsten war, daß man nicht wußte, was "sie" vorhatten mit diesen "Ausgestoßenen". Georg hatte die Stirn, den Mut, um eine Woche Aufschub zu bitten. Es war Weihnachten, er wolle zu seiner Verlobten fahren. Der "Capo" erlaubte es. - Im Morgendunkel dieses 22. Dezember war ich in Eile auf dem Weg von Kist zum Arbeiterauto, das ich am Erbachshof ewischen mußte, um in Würzburg den Zug nach Ochsenfurt zu bekommen, wo ich zu der Zeit "Schalteristin" war und Fahrkarten verkaufte. Ein Mann kam mir entgegen - also war der Arbeiterbus schon abgebogen, um seine "Fracht" in Eisingen zu holen. Ich beschleunigte mein Tempo, da sagte der Vorbeigehende irgendwas wie "nicht so eilig" - ich ließ mein Christbäumchen (für den Bahnhofsvorstand) vor Schreck fallen, das war doch Georgs Stimme? (Der Bahnhof mußte ohne mich auskommen - "Kollegin krank".) Pünktlich am 26. Dezember morgens mußte Georg in Hamburg "antreten" und fuhr also die Nacht durch. Um zum Bahnhof zu kommen, lieh Vati ihm sein "Dienstfahrzeug", ein kleines "Sachsmotorrad", was ich am nächsten Tag aus der Gepäckaufbewahrung auslöste und damit nach Haus knatterte.

Wir schrieben uns täglich, aber die Post funktionierte bald nicht mehr. Telefonieren war Glückssache. Hin und wieder konnte man einem Soldatenzug Post mitgeben. Im Januar 1945 war "die Front im Osten" zusammengebroChen, in großen Flüchtlingsströmen flohen die Menschen nach Westen, alles war noch "geordnet", aber das Chaos war abzusehen. Ich wollte wenigstens für ein Wochenende nach Hamburg fahren, ganz gleich wie. Wir durften nur Fahrkarten bis zum Radius von 80 km abgeben, also brauchte ich eine "Sondergenehmigung". Nie werde ich es meinem 'Vorgeseten" (ich glaub' er lebt nicht mehr, denn ich wollte mich später bei ihm bedanken) vergessen, daß er bei meiner heiser vorgetragenen Bitte um eine solche Genehmigung wortlos und ohne zu fragen in die Schublade griff und seinen Namen unter diese "Genehmigung" sette - "alles andere füllen Sie selbst aus". Ich hätt' ihm um den Hals fallen mögen.

Ich stand bis Hamburg im dichtbesetzten Zug, kam erst kurz vor Mitternacht (nach 20 Stunden Fahrt) an, telefonierte bei einer schwachen Lichtfunzel in die Reventlowstraße. Alle schliefen schon, nur Oskar las noch und kam mir entgegen.

In den vorangegangenen Tagen hatte "Mui" den "Reisebefehl" für Theresienstadt bekommen, nur einem ärztlichen Attest von Prof. Krötz , das sie als hochgradig ansteckend auswies, war es zu danken, daß sie im lebten Moment "zurückgestellt" worden war. Die Familie war erschöpft - aber Mui war so liebenswürdig wie immer und versuchte, die Schrecken der vergangenen Tage vergessen zu machen. Mjl schenkte sie ein Parfum, unvergeßlich ihre Haltung!

Keiner wußte, wie es weitergehen würde, was uns bevorstand. Als ich nach Würzburg zurückkam, waren dort die ersten Bomben gefallen. Kurz darauf wurde Dresden bombardiert. Hunderte von Bombern dröhnten über "unserem" Bahnhof (Ochsenfurt) ostwärts, das war am 12. Februar nachts. Ich fand es besser, jeweils nach Dienstschluß nach Haus zu fahren und am nächsten Tag wieder "anzutreten". Ich hatte Schichtdienst von 8.00 - 14.00 oder von 14.00 bis 20.00 Uhr und schwang mich auf mein Fahrrad. Gegen 11:00 Uhr nachts konnte ich in Irtenberg sein: Ochsenfurt, Winterhausen, Eibelstadt, Würzburg, Höchberg, Kist - Irtenberg.

 

Es war ein mildes Frühjahr, die große Gefahr überdeckte alles - ich hatte keine Angst. Hin und wieder war der Geschütdonner aus dem Westen zu hören - als fernes "Grummeln", aber doch auch als Zeichen des "nahen Endes". Noch stand Würzburg. An einem Märzabend, am 16.3., wieder das anhaltende Bomberdröhnen. "Alarm", wir mußten den Bahnhof (Ochsenfurt) verlassen (die "Luftschutzvorrichtungen" waren minimal, ich saß lieber auf freiem Feld unter dem Nachthimmel). Binnen einer halben Stunde färbte sich der Himmel glutrot im Westen: Würzburg stand in Flammen. Am Bahnhof: Totenstille - es gab keine Telefonverbindung mehr, kein Zug kam, wir saßen im Dunkeln. Eine "Kollegin" war in dieser Nacht "Fahrdienstleiterin" - es gab nichts zu leiten. Zwei kräftige "Lokführer" kamen, schimpften - erstmals laut - auf den Führer, dem wir alles zu "verdanken" hätten, schmissen die schweren Schlüssel für ihre Lok auf den Tisch und sagten, sie machten sich zu Fuß auf den Weg nach Würzburg, um ihren Familien in Grombühl zu Hilfe zu kommen. Erst am nächsten Morgen kamen die ersten erschöpften Menschen und wollten Fahrkarten - irgendwohin, bloß weg. Inzwischen war auch ein Zug von Süden kommend im Bahnhof und mit recht viel Realitätssinn "schlossen" wir den Schalter, schoben und drängten alle Leute in den Zug und ließen ihn "nach Süden ab".

 

Ich teilte mein winziges Zimmer im Gasthof "Zur Schwane" mit einer hilflosen jungen Bekannten (Yvonne Erhardt), der ich mein Bett überließ. Als ich am frühen Morgen auf dem Weg nach Irtenberg mein Fahrrad durch das noch heiße, rauchende Würzburg schob und feststellte, daß die Hofpromenade 1, Wohnung von Prof. Pfister, vollkommen zerstört war - ich hielt mich für die erste "Augenzeugin" - und nichts mehr stand, was wir als Wohnung von Freunden kannten - wurde das Ausmaß der Zerstörung begreiflich. Im überfüllten Forsthaus war es vergleichsweise idyllisch. "Mein Zimmer hatte eine Familie (Leinecker) mit 3 kleinen Töchtern in "BesiE' genommen (und sich dadurch gerettet). Frau Leinecker bot mir - kaum zuhaus - die Möbel ihres Biedermeier-Jungmädchenzimmers an, das, rechtzeitig ausgelagert, den Brand überstanden hatte. Ich war begeistert - aber sofort wieder in die Wirklichkeit versett, als Mutti sagte: "Aber das wirst Du doch unter den jetzigen Umständen nicht annehmen!?" Frau Leinecker bestand darauf - so daß ich heute noch die paar kleinen Kirschbaummöbel besitze.

 

Onkel Heinrich und Tante Lore hatten einen kleinen Leiterwagen voll "Hausstand" gerettet, Pfisters ein paar schöne Lübecker Möbelstücke - aber vor allem den größten Teil der wissenschaftlichen Bibliothek und das "Alexander-Manuskript", die "Lebensarbeit" von Prof. Pfister, genannt: "Alexander-Roman".

 

31.3.: Die Fensterscheiben klirrten leise vom entfernten Geschütdonner. Wlr schätzten die Entfernung: Odenwald - Aschaffenburg und fingen an, das Wichtigste (was ist das "Wichtigste"?) in Körbe zu packen und in einen Erdkeller unterm Hühnerstall unterzubringen. Am nächsten Morgen wurde er zugemauert, um ihn vor Brandschaden zu schüten. Schon seit Tagen hatte ich meinen "Arbeitsweg" 2 x täglich mit dem Fahrrad bewältigt - je nach dem, wie meine "Schicht" war. Die "Frühschicht" begann morgens um 8.00 Uhr - da mußte ich in Ochsenfurt übernachten, die "2. Schicht" endete abends um 8.00 Uhr - also fuhr ich los - erst am Main entlang durch die schönen alten Dörfer, alles stockdunkel, dann nach Westen, Höchberg, Kist, Irtenberg: Ich war der einzige Mensch, der nach Westen unterwegs war. Aufgelöste Truppenteile kamen mir entgegen - aneinandergekoppelte Konvois. Mit einem jungen Offizier kam ich in's Gespräch - wohin ich denn strebte? - "Nach Haus", dann versprach er mir, der Führer werde die Amerikaner schon aufhalten, der habe "die neue Waffe", das sei nur eine Frage von Tagen. - Ach Gott - so viel "Führervertrauen" war zum Koten. Ich stellte mich darauf ein, den ersten amerikanischen Soldaten zu begegnen und denen klarzumachen, wohin ich wollte. Die trafen wir dann erst 2 Tage später im Irtenberger Wald - beim Kister Wasserhaus - sie biwakierten mitten im Wald - und verschenkten auch gleich ihr gewohntes Lunch-Päckchen an uns. 31.3.: Im Forsthaus hatte man den "Aufbruch" beschlossen: Umzug in eine Steinbruchbaracke im "Oberen Auslauf'. Ich war losgeschickt worden mit den gesammelten "Fleischmarken", die "Extra-Fleischrationen" in Oberaltertheim zu holen, per Fahrrad. Gleich hinterm Wald fragten mich versprengte deutsche Soldaten: "Fräulein - wo ist die Front?" In der Talsenke hörte man M.G.-Feuer – “….da können Sie nicht weiterfahren!" Ich kehrte um, berichtete die Situation. Mutti packte Oma Essmann, Tante Lore und die kleinsten Kinder in den "Hanomag" und verschwand im Faschinenholz, Prof. Pfister schnürte seinen kleinen Tornister und verschwand federnden Schrittes (wie mir schien) unten am Wiesenrand im Wald. Im Haus blieben Vati und Onkel Heinrich - ich "durfte" das "Sachsrad" benutzen, und vollgepackt (obendrauf war ein Nachttöpfchen) fuhr ich in Richtung Kaufmannsträßchen, um zum "Steinbruch" zu gelangen. Im Steinbruch herrschte "Lagerlebenstimmung", Holz mußte gesammelt werden, Wasser geholt. Auf dem Weg zum 'Kister Wasserhaus", den Mutti und Gertrud Röhr mit Eimern "bewaffnet" antraten, trafen sie - wie gesagt - die ersten amerikanischen Soldaten.

 

So "einfach" war das Kriegsende für uns: Soldaten - ohne Panzer und Kanonen, die Lunchpäckchen verschenkten. Abends kamen sie an unser Lagerfeuer - 3 bis 4 G.l.'s - und wollten sich unterhalten - mal mit Deutschen sprechen. Gertrud Röhr konnte sofort ihre Dialekte auseinanderhalten - und sie wunderten sich, daß wir englisch mit ihnen sprachen. "Wo sind die Nazis" wollten sie wissen. Daß von den Anwesenden keiner einer war, wollte ihnen unglaubhaft erscheinen. Aber da waren doch in einem Forsthaus lauter Naziflaggen entdeckt worden. Wir hatten keine Ahnung - aber Frau Pfister bekannte lachend, daß sie einige Fahnen erworben hatte - schließlich könnte man vielleicht Dirndlkleider oder ähnliches draus machen - und sie wohl in einem Koffer auf dem Dachboden aufbewahrt habe.

Das Forsthaus wurde "besett". Bei einem Informationsgang fanden wir unsere Federbetten im Wald, Biedermeierstühle auf der Wiese - und im Haus - die Soldaten waren abgezogen - das Chaos: Den Keller aufgebroChen, alles verstreut, z. T. zerstört. Das Schlimmste: das Manuskript des "Alexander-Romans" verschmiert, zertreten, verstreut im Hof. Prof. Pfister war entsett und fing an, mit stoischer Haltung Blatt für Blatt, Fetzen für Feten aufzusammeln.

Im Großen und Ganzen waren wir glimpflich davongekommen - wir krempelten die Ärmel hoch und versuchten, das Haus wieder bewohnbar zu machen. Mehr als 30 Personen, Alte und Kinder, schlüpften wieder unter - das Leben "normalisierte" sich - ich weiß nicht mehr, wovon wir gelebt haben; aber wir hungerten nicht. Prof. Pfister gab Lateinunterricht für den Sohn des Schneiders in Kist und kam mit einer Kanne voll Milch zurück. Die Rehm-Kinder fanden einen wagenradgroßen Käse - den die Amis zurückgelassen hatten im Wald (aber sie gaben nichts ab - ein Minuspunkt). Schließlich mchsen auch wieder Äpfel und Kartoffeln.

Aber wo war Georg? Am 30. April hatte sich "der Führer" umgebracht - in Berlin. Irgendwie drang diese Nachricht auch zu uns - und Kriegsende 8. Mai wurde durch das Radio verkündet. Nichts überraschte uns mehr - keiner wagte eine Bilanz zu ziehen, wir waren "davongekommen". Aber nun wollte ich versuchen, auf irgendeinem Weg nach Hamburg zu kommen - am besten auf dem Fahrrad.

Da erschien eines Tages ein amerikanischer Presse-Offizier am Tor und begrüßte Vati mit den Worten: "Herr Zeuner, wie geht's Ihnen?" Vati reagierte sofort: - "das ist doch der Sally (Curt) Rieß-Steinarm?" Erfreutes Schulterklopfen und Wiedererkennen. Curt Rieß war in den 30er Jahren (vor seiner Emigration) 2 x, um "Ruhe zum Schreiben" zu haben, Pensionsgast in Irtenberg gewesen und erinnerte sich nun an diese (offenbar erfreulichen) Tage. Mich erinnerte er als Kind - was ich denn mache? "Ich warte auf meinen Verlobten aus Hamburg, weiß aber nicht, ob die Familie noch lebt, möchte mit dem Rad hinfahren" etc. Auch Rieß, in besserer Kenntnis der Verhältnisse, riet ab und versprach, in Hamburg "nachzufragen".


Als er 10 Tage später wiederkam (diesmal in Begleitung von Klaus Mann) und mir versicherte, in Hamburg "sei alles in Ordnung", da konnte ich hochbeglückt auf "den Verlobten" weisen: Vor wenigen Tagen war Georg mit Herrn Galitien in einem kleinen Lieferwagen eingetroffen - auf abenteuerliche Weise durch Deutschland gefahren. Und schnell entspann sich eine Diskussion über die Preisgabe Thüringens und Nordhessens durch den Rückzug der amerikanischen Truppen zu Gunsten der Russen. Die Bevölkerung begann zu fliehen. Rieß vertrat konsequent den amerikanischen Standpunkt: die Abmachungen mit den Alliierten seien zu halten - und er kam gar zu dem verärgerten Schluß, wir seien ja immer noch in Nazi-Ideen befangen. (Schon wenig später hat er diesen Irrtum eingesehen - er lebte im alliierten zoneneingeteilten Berlin.)

In Kist "bestellten" wir unser "Aufgebot" - man kann sich unser Hochgefühl vorstellen - in Oberalterthiem stellten wir uns beim neuen Bürgermeister, das war der Andreas Göbelmann, vor. Nichts würde er lieber machen, es sei seine erste Amtshandlung, sagte er. Am 23. Juni wurden wir in der Kirche in Oberaltertheim getraut - mein alter Religionslehrer, Pfarrer Wunderer, versah den Gemeinde-Dienst (denn Pfarrer Siebert war und blieb in Italien "vermißt").

Anwesend waren außer meinen Eltern Onkel Heinrich und Tante Lore, das Ehepaar Prof. Pfister mit Hildegard und Bernd, natürlich Gertrud Röhr mit Ursel und Oma Essmann (von Walter Röhr fehlte noch jede Nachricht). Außerdem war total überraschend Oskar, genannt "Oschi", mit einem Fräulein Adler aus Berlin, beide im Auftrag von "Kühne" auf dem Weg nach Gundelsheim, eingetroffen. Vera wurde schon im nächsten Jahr unsere Schwägerin.

Herr Galitzien, Georgs Reise- und Firmengefährte, war geradezu "unentbehrlich" bei den letzten praktischen "Vorbereitungen", die ja gleichzeitig meinen Abschied aus Irtenberg bedeuteten. Und Vati wollte mich "gut ausrüsten". Herr Galitzien packte geduldig und hilfreich was er unterbringen konnte in's Auto.

Es fehlten die Eltern Claussen, die zudem keine Ahnung von diesem Glückstag haben konnten, keinen "liebevollen Gedanken" schicken konnten. Wie gern hätten wir wenigstens eine ganz kurze Nachricht nach Hamburg geschickt!

Das Wetter war frühsommerlich schön, im großen Wohnzimmer war der Tisch für viele Menschen ausgezogen, gedeckt, dekoriert mit Roten Rosen. Tatsächlich konnte es "Rehsteak mit Reis" geben, Reden wurden gehalten, Vati, Prof. Pfister, Onkel Heinrich - Oschi - ich habe überhaupt keine Erinnerung an deren "Inhalt". Zum Kaffee saßen wir auf der Wiese unterm Kirschbaum. Für zwei Tage durften wir in eine Jagdhütte bei Waldbüttelbrunn ziehen, bekamen die Reste des Hochzeitsessens eingepackt und eine große Milchkanne mit Wasser in unser Fahrzeug gestellt. Die Ameisen fraßen übernacht alles Eßbare - aber Wasser gab's in einer Regenzisterne. Wir waren "honeymooners", hatten die gemeinsame Zukunft vor uns - was brauchten wir "Essen"?!

 

Als wir zurückkamen, war der "Opel-Blitz" schon gepackt - gegen mittag fuhren wir los, auf die "Hochzeitsreise zu dritt". Der Abkürzung wegen wurde das Kaufmannsträßchen - mitten durch den Wald: Faschinenholz, schwarzes Tor, Vältleinsrain, Eulengrube usw. – benutzt; bei Lohr der Main überquert - und weiter ging's in Richtung Hamburg, wo wir wohlbehalten am Spätnachmittag des 7. Juli 1945 eintrafen, nach mehr als 3 Wochen "Reise".